 |  |  | | | Leseprobe aus Mythor - Band 1
Chaos und Tod begannen in der Morgendämmerung mit ihrer Ernte. Die Wachen und die Schlafenden
wurden gleichermaßen überrascht, diejenigen, die es mit halbem Herzen erwarteten, und diejenigen,
die auf die Götter vertrauten. Selbst jene, die Mythors Warnungen nicht in den Wind geschlagen
hatten, lauschten mit Grauen und einer ergebenen Hilflosigkeit den Geräuschen des Untergangs
der Welt.
Denn Orina, die Seherin, hatte keinen Schatten erblickt, und Etro, der Erste Bürger Churkuuhls,
hatte entschieden, daß sie blieben.
So blieben sie, wie sie es immer getan hatten, den ganzen weiten Weg über, den ihre Stadt
gewandert war. Wirklich sicher waren sie immer nur auf dem Rücken der Yarls gewesen, hinter ihren
hölzernen Zinnen und Wehren, den balkengesicherten Toren und Fenstern, auf den schwankenden
Panzern, die sie durch die Länder des Lichts trugen.
Das war die Welt der Marn - ihre hölzerne Stadt Churkuuhl, die auf den gewaltigen gepanzerten
Yarls seit eineinhalb Generationen in Richtung Sternbild des Drachen kroch, unlenkbar von
Menschenhand, gehalten allein von den Fäden der Fügung.
Sie kamen tief aus dem Süden, wo der Abgrund der Welt lag, wo der Schatten über das Land fiel
und der halbe Himmel von einer düsteren Glut erfüllt war, wo es Lichter regnete, die starben, bevor
sie die Erde berührten, und wo die Wirklichkeit so trügerisch wie Träume war. Aber das lag viele
Generationen zurück in einer Zeit, bevor die Yarls aufhörten, dem Willen ihrer Bewohner zu
folgen. Seither war der Glanz südlicher Sterne längst verblaßt und die Glut südlicher Sonne Asche in
ihren Herzen geworden. Die Winter in Tainnia hatten ihre Gemüter das Frösteln gelehrt.
Doch es gab keinen Weg zurück. Es gab nichts, was die Yarls zur Umkehr gebracht hätte. Etwas
trieb sie, ein Zwang, ein Fluch. Und immer hatten die Ersten Bürger Churkuuhls entschieden, länger
zu bleiben. Denn der Gedanke, die schützende Stadt zu verlassen, war viel erschreckender als die
ungewisse Zukunft auf dem Rücken von Yarls, die unbekannten Mächten gehorchten.
Durch viele Länder waren sie gezogen, solche, die sie vergaßen und solche, die in ihrer Erinnerung
haften blieben. Warme Länder wie Kyrion, Arkenien, Tahora, Itanien, Salamos. Doch dann kam
Tainnia mit immer längeren Wintern, daß es manchmal schien, als liege eine neue Schattenwelt
voraus, zu der es die Yarls zog.
Selten nur hatten sie ihre Wehren verlassen und sich den Gefahren des festen Landes ausgesetzt,
den meist feindlich gesinnten Bewohnern, der Wildnis, den Bestien. Nur wenn es sein mußte, wenn
sie Wasser brauchten oder ihre Toten verbrannten, oder wenn das Futter für ihre Ziegen und Kühe
knapp wurde.
Erst in den letzten fünf Jahren, als der junge Mythor begonnen hatte, junge Marn mit seiner
fremdartigen Neugier anzustecken, hatte ein kleiner Trupp Wagemutiger ab und zu Churkuuhl verlassen
und das Land in unmittelbarer Nähe erkundet. Nur Mythor selbst hatte trotz aller Warnungen immer
wieder weite Streifzüge unternommen, sogar Kontakt mit den Menschen aufgenommen, wenn Dörfer
in der Nähe lagen, ihre Sprache, ihren Dialekt verstehen gelernt und manch Nützliches mitgebracht:
Waffen, Geräte aus Eisen, selbst Pferde, auf denen sie reiten lernten. Dennoch vermochte er
niemanden von der Nützlichkeit, vielleicht sogar der Lebensnotwendigkeit seiner Neugier zu
überzeugen.
Sie alle warnten ihn, die Ältesten, seine Familie. Wenn sie ihn gehen sahen, schüttelten sie die
Köpfe. Wenn sie ihn kommen sahen, machten sie das Zeichen Quyls, des weisesten ihrer Götter. Doch
auf ihre Art achteten und respektierten sie Mythor, obwohl er nicht einer der Ihren war, weder vom
Äußeren noch vom Wesen, aber sie hatten den Lichtschimmer gesehen, der ihn umgab, als er ein
Knabe war, und sie hatten in seiner Gegenwart den Schrei des legendären Bitterwolfs gehört.
Er war ein wenig wie jene schimmernde Gestalt ihrer Mythen und Prophezeiungen, die das Feuer in
ihrer Faust hielt, der ewigen Schwärze der Schatten Einhalt gebot und sie letztendlich besiegte.
Deshalb nannten sie den Knaben Mythor, nach dem mythischen Helden des Lichts.
Doch das Licht, das ihn umgab, schwand, als er heranwuchs, und der Bitterwolf ward nicht mehr
gehört.
Was er sagte und tat, wog ein wenig mehr als das anderer Marn, aber nicht genug. Er achtete ihre
Gesetze, doch lachte über ihre Ängste. Er schlug ihre Warnungen über die Welt außerhalb Churkuuhls
in den Wind. So lernte er mehr und wußte mehr als sie. So lernte er, offen zu kämpfen, statt
sich zu verkriechen. So lernte er, daß der Boden fest war und daß alle Bewegung dem eigenen Willen
entsprang, und daß jeder, der Kraft genug besaß, an den Fäden der Fügung mitknüpfen konnte.
Er jedenfalls würde das tun!
Doch nun sah es aus, als endeten alle Fäden im Meer der Spinnen.
Seit hundert Tagen hatten die Yarls nicht mehr angehalten, um Nahrung aufzunehmen. Ohne Unterlaß
schoben sie sich vorwärts mit ihren drei Dutzend Beinen, den spitzen Kopf vorgestreckt, den
Rachen geöffnet und keuchend, die vier dunklen, starren Augen hungrig auf etwas in der Ferne
gerichtet, was die Menschen Churkuuhls nicht zu sehen vermochten. Ihre Bewegungen waren
schwankend und stolpernd geworden wie von Erschöpfung.
In den letzten zwanzig Tagen waren immer wieder Reiter in der Ferne aufgetaucht und hatten die
seltsame wandernde Stadt in sicherem Abstand begleitet - bewaffnet und zeitweilig in so großer
Zahl, daß auch Mythor nicht mehr wagte, Churkuuhl zu verlassen, um den Weg zu erkunden, den
die Yarls nahmen. Aber er fand es auch so bald genug heraus, denn sie hörten die Brandung. Vor
ihnen lagen die Klippen einer felsigen Küste, die steil in schäumende Gischt abfiel. Nach allem,
was Mythor auf seinen Streifzügen über Tainnia erfahren hatte, mochten sie die Straße der Nebel
erreicht haben oder das gefürchtete Meer der Spinnen.
Und es sah aus, als könnten auch die Felsen den besessenen Marsch der Yarls nicht aufhalten. Zum
erstenmal in seinem Dasein zögerte der Erste Marn mit der Entscheidung. Denn in Churkuuhl zu
bleiben, bedeutete den Tod. Niemand in der Stadt bezweifelte, daß die Yarls von Mächten der
Schattenwelt besessen waren, an deren unmittelbarem Rand sie geboren wurden und in die Lichtwelt
hinauswanderten.
Doch während Etro noch zögerte, blieben die Yarls stehen. Sie sanken mit klagenden Schreien
nieder und regten sich nicht mehr. Ihre mächtigen Köpfe glitten zurück unter die gewaltigen Panzer,
auf denen die Häuser der Marn standen.
Nun, da die unmittelbare Gefahr vorüber war, entschied Etro wie gewohnt, daß sie blieben, denn
alle Gefahren, die ihnen jenseits ihrer vertrauten und sicheren Bauten drohten, wären ungleich
größer gewesen, als das Risiko auf den Panzern besessener, doch zu Tode erschöpfter Yarls.
Mythor warnte, doch es war entschieden. Die tainnianischen Reiter waren ihnen gefolgt und kamen
in der Abenddämmerung näher an die so plötzlich stillstehende Wanderstadt heran. Sie waren viele,
vielleicht nicht genug, um Churkuuhl zu stürmen, wovon sie wohl auch die Furcht vor den Yarls
abhalten mochte, doch genug, um die Marn niederzureiten, falls diese ihre schützenden Wälle
verließen. Selbst Mythor, der dazu neigte, an Fremden erst die friedliche Seite zu sehen, war in diesem
Fall ziemlich sicher, daß die Tainnianer auf Beute aus waren und nur auf einen günstigen
Augenblick warteten.
So blieben sie alle und warteten in der hereinbrechenden Dunkelheit, bis Müdigkeit und Schlaf die
meisten übermannte.
Das war am Vorabend gewesen.
Und nun, in der Morgendämmerung, erwachte die Nomadenstadt, um zu sterben.
Zuerst rührte sich ein Yarl, der aus seiner erschöpften Starre erwachte, den Schädel aus seinem
Panzer schob, mit düsterer Glut in den Augen um sich blickte, einer Glut, von der die alten
Legenden der Marn warnend als Dämonenfeuer berichteten. Der Koloß ruckte hoch, fast wie es Kamele
tun, wenn sie sich erheben. Die Häuser und Türme schwankten knirschend, Seile rissen knallend.
Ein Dutzend Marn, die Familien Altras und Katrans, die auf diesem Yarl lebten, erwachten im
Angesicht des Todes, jene wenigstens, die nicht bereits im Schlaf erschlagen worden waren. Die
Balkenwände rissen wie Strohmatten.
Wen das Krachen noch nicht aus dem Dämmerschlaf gerissen hatte, in den die meisten trotz der
möglichen Gefahr schließlich gegen Morgen erschöpft gesunken waren, der schreckte durch das
Schreien der Menschen hoch. Während die Marn zu den Waffen griffen und auf ihre Zinnen und an
ihre Schießscharten liefen, stieß der Yarl einen langgezogenen Schrei aus, der wie das Heulen
verdammter Seelen klang. Keiner der Marn hatte je solch einen Schrei vernommen, und selbst den
Yarls mußte er erschreckend klingen, denn viele erwachten aus ihrer Leblosigkeit und setzten sich
ruckartig in Bewegung. In wenigen Augenblicken war ganz Churkuuhl ein schreiendes, krachendes
Chaos, in dem jeder um das nackte Überleben kämpfte. Doch das war erst der Beginn.
Als der Schrei des Yarls verstummte, schob das Geschöpf sich vorwärts mit seinen Trümmern und
Toten auf dem Rücken und glitt schlurfend und wankend über die Felsen auf die Klippen zu. Die
übrigen Yarls hatten innegehalten. Ihre vorgestreckten Schädel waren auf das Meer gerichtet. Auch
die Menschen waren verstummt, selbst jene, die Qualen litten, als spürten sie alle, daß noch
Grauenvolleres bevorstand.
Und die inmitten der Trümmer noch sehen konnten, erblickten das Ende zweier ihrer Familien, als
der Yarl sich scharrend über die Klippen schob und in die Tiefe stürzte.
Atemlose Augenblicke später vernahmen sie erneut das Heulen des Yarls, peinvoll diesmal, und sie
hörten das Tosen von Wasser und Geräusche wie von einem gewaltigen Kampf. Dann Stille, nur die
Brandung.
Aber gleich darauf schrie ein weiterer Yarl und schob sich auf die Klippen zu.
Da kam Bewegung in alles, was noch Kraft und Leben genug besaß, sich zu bewegen.
Die Menschen befreiten sich aus den Trümmern ihrer Häuser und Wehren und waren hilflos
außerhalb der trügerischen Sicherheit, auf die sie so lange vertraut hatten, um so mehr, als es auch
draußen keine Sicherheit gab. Zwischen den dicht zusammengedrängten Yarls war wenig Platz und
wenig Schutz vor herabstürzenden Trümmern. Ihre mächtigen Beine mit den steinharten Krallen
würden alles zermalmen, wenn sie in Bewegung kamen. Und in ihren lodernden Augen war deutlich
genug zu lesen, daß sie jeden Augenblick losstürzen würden.
Mit neuem Schreien und Heulen setzte sich ein weiterer Koloß in Bewegung und schob sich
zwischen einem halben Dutzend erstarrter Yarls hindurch, begleitet von donnerndem Krachen, als
Panzer und Türme gegeneinanderstießen. Der Boden erzitterte. Männer und Frauen und Kinder
sprangen in panischem Entsetzen aus den Häusern. Die meisten gerieten zwischen die Yarls, unter die
stampfenden Beine und zwischen die Panzer, wo sie ein rasches Ende fanden. Die nicht den Mut
fanden, in die Tiefe zu springen, riß der Yarl mit sich über die Klippen in die tosenden Fluten.
Bevor die Geräusche des Sterbens verklingen konnten, klangen neue auf, als ein dritter Yarl Anlauf
in den Tod nahm. Es war einer aus der Mitte der Herde, und er pflügte einen Weg durch die Stadt
wie ein Orkan, kroch mit Urgewalt über seinesgleichen hinweg.
Ein weiterer folgte, noch bevor er die Klippen erreicht hatte.
Dann zwei.
Drei.
Ein halbes Dutzend.
Es ging immer schneller. Die Kraft, die sie über die Klippen lockte, griff rasch um sich. Und daß es
am lichten Tag geschah - die ersten Strahlen der Morgensonne tauchten die Klippen in blendendes
Licht -, daß die Dämonen der Schatten die Macht besaßen, ihre Geschöpfe zu dieser Zeit zu rufen,
machte es um so schrecklicher.
Der Stamm der Marn war viele Generationen lang auf diesen Yarls durch die Lichtwelt gewandert.
Immer, seit die Yarls begonnen hatten, ihren eigenen Weg zu gehen, unbekümmert um die lenkenden
Versuche ihrer menschlichen Parasiten, war ihr Schicksal ungewiß gewesen.
Nun gab es keine Ungewißheit mehr. Hier war ihr Weg zu Ende. Hier würden sie bleiben, begraben
in den Trümmern ihrer eigenen Stadt, die sie nie verlassen hatten.
Es gab einige, die sich nicht mit diesem Schicksal abfanden.
Das war eine Gruppe junger Marn, die stets zu Mythor aufgeblickt hatten, die in ihm ein Idol sahen,
auch wenn sie selbst nicht immer den Mut fanden, die Warnungen ihrer Eltern in den Wind zu
schlagen und wie er Abenteuer auf der festen Erde zu suchen. Aber sie hatten seinen Erzählungen
gelauscht, und manchmal hatten sie ihn sogar begleitet.
Sie besaßen ein wenig von seinem Geist, dem Geist des Abenteurers. Sie waren bereit, außerhalb
Churkuuhls ein neues Leben aufzubauen, wie schwer es auch immer sein mochte.
Ein wenig mehr als zwanzig fanden sich bei den äußeren Yarls zusammen. Die dunkle Haut ihrer
Gesichter war bleich vor Furcht.
Sie hatten ihre Yarls verlassen und folgten dem Plan, den Mythor mit ihnen noch während der
Nacht besprochen hatte. Einige schafften Waffen und Vorräte zwischen die schützenden Felsen,
andere sammelten Fliehende auf und versuchten, die Familien aus ihren Häusern zu treiben, solange
ihre Yarls noch ruhig lagen. Viele ihrer Freunde, mit denen sie nachts noch Pläne geschmiedet
hatten, fehlten. Manche mochten bereits tot sein. Es war ein waghalsiges Unterfangen, zu den inneren
Yarls vorzudringen oder gar in die Nähe der Klippen zu gelangen. Das Brüllen und Schreien
erklang nun immer häufiger. Schwarzer Rauch stieg irgendwo im Inneren der Stadt auf. Die Yarls
waren alle wach. Sie lauschten mit erhobenen Schädeln, doch nicht den Geräuschen der Zerstörung
und des Todes, sondern einem Ruf, der ihren dunklen, verlorenen Geist berühren würde.
Sie waren weit durch diese Welt gekrochen, um es zu finden. Sie waren bereit.
Und für jeden erklang der Ruf.
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