Hugh Walker - Chronist der Wirklichkeit der Träume

Die Geschichte der Fantasy-Literatur im deutschsprachigen Raum ist aufs Engste mit einem Namen verbunden: Hubert Straßl alias Hugh Walker. Er schrieb zahlreiche Romane, er gründete den größten deutschen Fantasy-Club, er gab die erste Taschenbuchreihe heraus, die sich auf Fantasy-Literatur spezialisiert hatte - und er schrieb die wohl spannendsten Romane der DRAGON-Reihe.
Der am 4. Februar 1941 in Linz geborene Hubert Straßl kam in Wien während seines Studiums ab 1961 mit anderen Science-Fiction-Fans in Kontakt. Bereits in den frühen 60er Jahren publizierte er eigene Kurzgeschichten sowie eine eigene Fan-Zeitschrift. Zahlreiche weitere Kurzgeschichten folgten, später war er Redakteur für das literarische Fanzine »Pioneer«, eines der einflußreichsten SF-Blätter jener Jahre.
Da sich Straßl in den folgenden Jahren immer mehr für die Fantasy-Literatur begeisterte, gründete er zusammen mit einigen Freunden den Fantasy-Club FOLLOW. Die »Fellowship of the Lords of the Lands of Wonder« simuliert seit 1966 das Geschehen auf der phantastischen Welt Magira: Mitglieder in FOLLOW, die sogenannten Follower, sind also zugleich »Bürger« dieser Welt, deren Geschichtsschreibung durch das Spiel Armageddon bestimmt wird. Dieses Spiel ist ebenso eine Erfindung Straßls und seiner Mitstreiter wie die gesamte Welt, in der er auch einige Kurzgeschichten ansiedelte, die er in den einschlägigen Fanzines veröffentlichte.
Seit Beginn der 70er Jahre publizierte der Autor eine Reihe von SF-Heftromanen für die Verlage Pabel und Zauberkreis; Horror-Romane, darunter der bekannte DRAKULA- Vierteiler, folgten. Bei Leserumfragen landeten seine Beiträge stets auf den vordersten Plätzen, und die Kritik bescheinigte ihm eine für die Publikationsform ungewöhnlich hohe Qualität, die Maßstäbe setzte. Als Kurt Bernhardt, damals Redakteur im Pabel- Verlag, den Startschuß für DRAGON, die erste deutschsprachige Fantasy-Reihe, gab, war klar, daß Hubert Straßl alias Hugh Walker mit von der Partie sein mußte. Nach einem Konzept von ihm, das allerdings erheblich verändert wurde, schrieb Günter Schelwokat die Exposés.
Straßls/Walkers Arbeiten in SF, Horror oder Fantasy sind von dem Thema der Wirklichkeit hinter der Realität bestimmt. Seine Protagonisten verlassen die gewohnte Welt, um sich mit einer anderen Realität auseinanderzusetzen, oder entdecken, daß ihre Welt von Mythen bestimmt wird, die zuvor als Märchen abgetan wurden.
Nach der Einstellung der DRAGON-Serie im April 1974 schrieb Straßl zahlreiche andere SF-, Fantasy- und Horror-Romane. Als Herausgeber der Taschenbuchreihe »Terra Fantasy« brachte er von 1974 bis 1982 den deutschen Lesern zahlreiche Perlen der Fantasy- Literatur nahe: Unbekannte Werke des Conan-Erfinders Robert E. Howard wurden ebenso publiziert wie Klassiker des Genres von Michael Moorcock (»Hawkmoon«) oder Abraham Merritt, von John Jakes (der später mit »Fackeln im Sturm« weltberühmt wurde), Thomas Burnett Swann (»Der letzte Minotaur«) oder Andre Norton (»Hexenwelt«). Als zusätzlichen wertvollen Leserservice verfaßte Straßl kurze Vorworte, die die präsentierten Werke unaufdringlich in den historischen und literarischen Kontext stellten und somit den interessierten Lesern weitere Aspekte eröffneten. Unter dem Pseudonym Hugh Walker lieferte er acht Bände um die Spielwelt Magira und machte damit auch FOLLOW weithin bekannt; als Ray Cardwell verfaßte er gemeinsam mit Hans Feller den Zylus »Die Welt der Türme«.
Natürlich schrieb Straßl ebenso für die MYTHOR-Serie, den zweiten Versuch des Pabel- Verlages, eine deutschsprachige Fantasy-Serie im Heftroman zu publizieren. Wieder legte er ein Grundkonzept vor, das dann von William Voltz in den ersten zwanzig Exposés umgesetzt wurde. Weitere Exposéautoren waren Ernst Vlcek (21-181), Hans Kneifel (182-183) und W. K. Giesa (183-192). Vlcek war es auch, der für Straßl eine eigene Handlung um den lorvanischen Barbaren Nottr entwarf, die fast so etwas wie eine separate Unterserie innerhalb des MYTHOR-Kosmos darstellte. Insgesamt verfaßte Straßl zwischen 1980 und 1984 siebzehn Romane für MYTHOR, natürlich auch den ersten. Nachdem er in den letzten Jahren vor allem als Übersetzer amerikanischer Romane und Kurzgeschichten in Erscheinung getreten war, war es für den Schriftsteller und Herausgeber, der heute in der Nähe von Passau lebt, eine ganz besondere Freude, die DRAGON-Heftromane für die Buchausgabe des Weltbild-Verlags neu zu bearbeiten. Mit dem offiziellen Abschlußband »Rückkehr nach Atlantis« schaffte es der Autor zudem, der Serie endlich ein passendes Ende zu verleihen, mit dem er selbst zufrieden sein konnte.
Für die entsprechende Tätigkeit bei MYTHOR ging er gewissermaßen den umgekehrten Weg. In dem im Oktober 2000 bei Moewig fantastic erschienenen Roman »Fluch der Schattenzone« behandelt er Ereignisse, die vor dem Auftaktband »Der Sohn des Kometen« spielen, der damals die Heftserie einleitete und natürlich auch titelgebend für den ersten Band der von Straßl überarbeiteten Buchausgabe ist.
Zuletzt, so berichtete er, arbeitete er an neuen Konzepten im Bereich der Fantasy. Die Leser können also auf weitere Werke Hugh Walkers gespannt sein ...
 
Mythor ist ein eingetragenes Warenzeichen der Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt.